Praktikumsbericht 2003 – Andrea Knorr

Kinder brauchen mehr als Schulwissen, um schlau zu werden

Vom 1. April bis 30, Juni 2003 war ich in der Good Hope -School in Kalomo in Sambia. Ich durfte dort mit den Grundschullehrerinnen meine methodischen Kenntnisse über elementaren Mathematikunterricht teilen. Außerdem habe ich, eine kurze Zeit, eine Art Ferienprogramm für die Vorschulkinder und die Kinder der 1. und 2. Klasse gestaltet.

Ich möchte über meine Erlebnisse in dieser Zeit berichten.

Zuerst will ich mich näher vorstellen und erzählen, wie es dazu kam. Mein Name ist Andrea Knorr, und ich bin zur Zeit Mitglied der Gemeinde Christi in Heidelberg. Nachdem ich in meinem ersten Beruf als Röntgenassistentin meine berufliche Erfüllung nicht fand, habe ich Sonderpädagogik an der PH Heidelberg studiert. Im Februar 2003 habe ich meine Ausbildung beendet. Ich bin Förderschullehrerin, d.h. ich unterrichte Schüler, die aus allen möglichen Gründen in der Regelschule nicht mitkommen. Bei einem Gemeindetreffen habe ich Dieter über meine Arbeit, bzw. über die Schwierigkeiten meiner Schüler, und wie ich versuche ihnen zu helfen, erzählt. Dieter meinte, ich könnte meine Kenntnisse an die Lehrer in der Good Hope – Schule in Sambia weitergeben. Da ich nach dem Abschluss meiner Ausbildung noch etwas Zeit hatte, habe ich mich zur Verfügung gestellt.

Ich könnte über all die materiellen Mängel und den daraus resultierenden Problemen, denen die Menschen dort ausgesetzt sind berichten aber ich denke, dass dies andere, kompetentere Leute als ich schon getan haben. Ich schreibe statt dessen über das, was mich am nachhaltigsten persönlich berührt hat: der Mangel und Hunger der Kinder dort nach emotionaler Zuwendung. Als Förderschullehrerin unterrichte ich sehr oft Kinder, die aus Familien kommen, wo es große wirtschaftliche und soziale Probleme gibt. Die Eltern leben z.B. von Sozialhilfe, oftmals gibt es schwierige familiäre Verhältnisse. Die Kinder bekommen deshalb wenig, oder unpassende emotionale Zuwendung, Dies führt zu einer resignativen emotionalen Grundhaltung, die es den Kindern sehr erschwert, sich positiv weiter zu entwickeln. Sie sehen für sich keinen Sinn darin, sich ausdauernd für Ziele anzustrengen, die nicht sofort Bedürfnisbefriedigung versprechen. Dies hat negative Auswirkungen auf die geistige und emotionale Entwicklung. Diese Kinder haben große Probleme, ihr Leben selbständig zu gestalten. Auch ihr Verhalten ist häufig der Situation nicht angemessen, sie laufen vor grundlegenden Konflikten eher davon, als sich ihnen zu stellen, Für die Lösung dieser Probleme wird versucht eine Autoritätsperson zu finden, die einem zeigt, wo es langgeht. Deshalb werden Befehle von „Autoritätspersonen“ nicht richtig hinterfragt, man tut, was der Chef sagt. Man wartet auf die Lösung des „Führers“, anstatt selbständig zu handeln. Diese Mentalität bestimmt auch als Erwachsene ihr Leben und hindert sie daran, aus ihrer schlechten sozialen Situation herauszukommen. Ich möchte diese Lebenseinstellung als „Mentalität der Resignation“ bezeichnen.

In Sambia erlebte ich diese Mentalität nicht als Ausnahmeerscheinung, sondern als Regel. Das Leistungsniveau der Schüler dort entspricht ungefähr dem der Schüler bei uns in Deutschland in der Förderschule. Die Möglichkeiten der Lehrer erfolgreich zu unterrichten werden durch diese Mentalität stark eingeschränkt. Die Schüler lernen für den Lehrer auswendig, entwickeln aber kein notwendiges Verständnis über den Sinn und Nutzen einer Sache. Deswegen können sie ihr „Wissen“ auch nicht für sich selbst nutzbringend in ihrem Alltag umsetzen: z.B. habe ich mit den Kindern auf dem Schulgelände einige Renn- und Wettspiele veranstaltet. Viele Kinder trugen ihr Pausenbrot und ihre Wasserflasche mit sich herum, was sie oftmals daran hinderte, sich frei im Spiel zu bewegen. Ich habe den Kindern sagen müssen, dass sie ihre Sachen an einen bestimmten Platz im Schatten lagern sollten., Dass dieser „Befehl“ für sie ist- ihr Essen und ihr Wasser sind vor der Sonne geschützt und stört sie nicht beim Spielen – haben nur einige wenige Kinder verstanden und selbständig umgesetzt“ Den meisten Kindern musste ich jeden Tag neu „befehlen“, ihre Habseligkeiten in den Schatten zu legen, denn als Lehrerin war ich eine Autoritätsperson der man unbedingt gehorchen musste. Es gab aber noch einen anderen Grund, warum die Kinder bereitwillig meinen Anweisungen folgten. Ich habe den Kindern Zuwendung gegeben, d.h. ich habe sie als eigenständige Persönlichkeiten wahrgenommen, mich auf ihre emotionalen Bedürfnisse eingestellt. Solche Bedürfnisse sind z.B. Anleitung zu selbständigem, entdeckendem Spiel, Anregungen zum freien Rollenspiel (Geschichten erzählen, vorlesen, selber mitspielen), Aktivitäten, welche die feinmotorische Geschicklichkeit fördern ( Malen, Basteln, Bewegungsspiele usw.), Singen usw. Basiserfahrungen, die unsere Kinder „automatisch“ über Elternhaus, Kindergarten oder Grundschule machen können.

Wie groß der Mangel dieser Kinder nach solchen Erfahrungen ist, kann man auch an der Begeisterung erkennen, welche die Kinder schon bei bescheidenen Angeboten an den Tag legten. Im Ferienprogramm konnten die Kinder ca. eine Stunde lang frei mit Legosteinen bauen. Nachdem ich den Kindern gezeigt hatte, wie man mit den Steinen bauen kann, gab es kein Halten mehr. Da so viele Kinder beim Ferienprogramm mitmachen wollten, musste ich verschiedene Gruppen bilden, damit alle damit spielen konnten. Selbst große Schüler ( fünfte Klasse und darüber hinaus) schauten neidisch zum Fenster herein und fragten, ob sie auch mitspielen könnten. Es gab auch Ansätze zwischen mir und den Kindern zum Rollenspiel. So „fuhren“ einige Kinder für mich, mit den Legoautos z.B. nach „Lusaka“, um „wichtige Dinge“ (z.B. Medikamente) zu besorgen. Genau an diesem Punkt bin ich an meine Grenzen gestoßen. Ich bin kein „nativespeaker“. Deshalb konnte ich diese, für die Kinder so wichtigen Spiele nicht weiter ausbauen. Die Kinder konnten kaum Englisch und ich nur ein paar Brocken Tonga sprechen.

In der letzten Programmwoche habe ich zum Glück (nicht nur) sprachliche Unterstützung bekommen. Mwak, die Tochter des Schuldirektors, hat für mich sehr engagiert übersetzt und mir bei der Betreuung der Kinder tatkräftig geholfen. Sie kommt aus einem bekennenden christlichen Elternhaus, deshalb unterscheidet sich ihre emotionale Entwicklung. Sie hat eine andere Mentalität, als die dort übliche, entwickeln können. Ich habe ihr einige Dinge aus meiner Erfahrung vermittelt, die sie mit viel sprachlichem Gefühl und Geschick für die Kinder umgesetzt hat. Sie hat begeistert bei der Betreuung der Vorschulkinder geholfen. Mit Hilfe des von mir mitgebrachten Vorschulmaterial hat sie sogar selbständig Vertretungsstunden gehalten.

Ich sehe in einer guten Vorschularbeit eine wichtige Basis für erfolgreiches Weiterlernen. Wichtig ist, dass die Kinder nicht nur Englisch und die Zahlen lernen, sondern die Gelegenheit für all die Erfahrungen bekommen, die ich oben kurz skizziert habe. Die Kinder brauchen ein angemessenes emotionales Erziehungsangebot, dass ihnen hilft, eine gesundes emotionales Verhältnis zu sich selbst und den eigenen Aktivitäten (Selbstbewußtsein) aufzubauen. Erst dann sind die Kinder fähig, sich auf Herausforderungen in der Schule motiviert einzulassen und nicht davor zu resignieren. Dies könnte am besten durch Bezugspersonen mit der gleichen Sprache und Kultur, so wie Mwak, vermittelt werden Mwak kommt aus der gleichen Kultur, sie kommt nicht als „Weiße“ von einer Welt außerhalb, Mwak ist motiviert, sie möchte sich in die Vorschularbeit einbringen. Über den emotionellen Kontakt zu ihr, könnten die Kinder eine Mentalität als Beispiel erleben, die nicht resigniert, sondern sich aktiv mit den Herausforderungen der Umwelt auseinandersetzt, Ich glaube, dass Gott uns mit Mwak jemanden geschenkt hat, um die Vorschularbeit in der Good-Hope-School nachhaltig positiv zu verändern und so etwas der „Mentalität der Resignation“ entgegenzusetzen. Dies würde sich positiv auf das Lernverhalten der Schüler auswirken und damit meine eigentliche Arbeit dort in Sambia, mein Seminar für die Lehrer dort, über Methoden, wie man Mathematik auch für schwache Schüler verständlich unterrichten kann, entscheidend vorantreiben.

Was ich eben beschrieben habe ist in abgewandelter Form auch sehr wichtig für die Lehrer dort. Sie brauchen nicht nur unsere finanzielle und fachliche Unterstützung, sondern auch unsere emotionelle. Die Lehrer dort sind in einem System groß geworden, in dem emotionale Bedürfnisse Luxus sind, weil die meiste Energie für den täglichen Kampf ums Überleben verbraucht wird. Viele emotionale Fähigkeiten (Disziplin, Zuverlässigkeit, Selbstbewußtsein, Eigeninitiative, Selbständigkeit usw.) die für uns in den reichen Industrieländern als Arbeitstugenden als unerlässlich angesehen werden, können sich in dieser Umwelt viel schwieriger entwickeln Wir können unsere (emotionellen) Standards eben nicht 1:1 auf diese Menschen dort übertragen. Ich habe mich bemüht die Mentalität der Lehrer dort zu verstehen, was mir bei meiner westlich geprägten Ungeduld manchmal sehr schwer gefallen ist. Manchmal haben mich die Lehrerinnen dort mit ihrer Leidefähigkeit und Geduld beschämt. Aber beide Seiten haben sich zusammengerauft. Dabei ist etwas wunderbares herausgekommen. Die Lehrerinnen und ich sind uns wirklich emotional nähergekommen. Sie haben mir ihre Zuneigung und Wertschätzung versucht zu zeigen, obwohl es ihnen sichtlich schwergefallen ist, dies auszudrücken. Dies war für mich das größte Wunder. Ich war plötzlich nicht mehr die, von außen eindringende, allwissende Weiße, sondern eine Lehrerin wie sie, der man sich öffnen kann. Dies hatte auch Auswirkungen auf das weitere unterrichtliche Geschehen. Heinz Müller hat mir über E-mail berichtet, dass die Lehrerinnen mein Programm in ihrem Unterricht aus eigenem Antrieb anwenden. Anscheinend ist ihre Arbeit damit so überzeugend, dass sich der Deputy (Leiter für die Schulen eines bestimmten Distriktes) für das Programm interessiert, um es anderen Schulen zu zeigen. Das super Matheprogramm oder mein „pädagogisches Geschick“ sind nicht die Ursache für den Erfolg, sondern dass Gott diese Arbeit gesegnet hat.

Ich bin Gott sehr dankbar für diese Zeit in Sambia. Ich habe gelernt, dass ich eigentlich an den Verhältnissen dort nichts ändern kann, aber dass er durch mich, so mangelhaft meine Arbeit auch ist, seine Wunder auf seine Weise bewirkt hat.

 

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